Quasipresseschau

Aug 6

Immer wiederkehrend ist die Behauptung, dass es einen Theorien- und Methodenpluralismus derart gäbe, dass Wissenschaftliche Medizin, Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Traditionelle Chinesische Medizin u.ä. gleichwertige Medizintheorien seien. Es wird übersehen, dass es im Falle einer Konkurrenz erfahrungswissenschaftlicher Theorien wissenschaftstheoretische Kriterien gibt, die eine Entscheidung ermöglichen, welche Theorie die bessere, die überlegene ist. Es sind dies:

Zirkelfreiheit,
innere und äussere Widerspruchsfreiheit (Konsistenz),
Erklärungswert,
Prüfbarkeit,
Widerlegbarkeit,
Testerfolg,
Prognosefähigkeit,
Reproduzierbarkeit,
Fruchtbarkeit
und weitere.

Der Unterschied zwischen den verschiedenen medizinischen Theorien besteht in den Annahmen über die Entstehung von Krankheiten: Die wissenschaftliche Medizin geht seit Anfang des 19.Jahrhunderts davon aus, dass Krankheiten natürliche körperliche und psychische Ursachen haben, die mit rationalen, d.h. wissenschaftlichen Methoden analysiert (und behandelt) werden können, dass Krankheiten also z.B. nicht Folge der Sünde oder der falschen Mischung von 4 Säften (Humoralpathologie) sind, dass sie nicht mit geisteswissenschaftlichen Konstrukten (Anthroposophie), religiösen Prinzipien (Chinesische Medizin) oder mit der “Verstimmung” einer mysteriösen Lebenskraft (Homöopathie) zu erklären sind.

Die Anwendung der genannten Kriterien zur Bewertung konkurrierender Theorien zeigt, dass sie allein von der wissenschaftlichen Medizin erfüllt werden. Deshalb hat sie sich überall in der Welt durchgesetzt. Sie und die von ihr abgeleiteten therapeutischen und präventiven Verfahren haben als erste in der Geschichte der Medizin bewirkt, dass die durchschnittliche Lebenserwartung (als härtestes Kriterium für die Effektivität einer Medizin) von 30 - 40 auf 70 - 80 Jahre angestiegen ist. Keine andere frühere und die heutige alternative Medizin war und ist hierzu in der Lage, keine hat auch ein annähernd vergleichbares effektives Praeventionskonzept. Es genügt eben nicht, bei spontan heilenden oder auch unheilbaren Krankheiten die Befindlichkeit oder die Lebensqualität zu verbessern oder Schmerztherapie zu betreiben, so wichtig das ist. Hierfür verfügt auch die wissenschaftliche Medizin über wirksame Methoden . Aber es ist unsinnig, zur Behandlung solcher, in hohem Masse suggestiven Einflüssen unterliegenden Phänomene veraltete oder hochspekulative Medizintheorien anzuwenden. Diese Verfahren entfalten um so eindrucksvoller ihre Placeboeffekte, je geheimnisvoller, je exotischer die Theorie und ihre Praxis ist. Glaubt der Therapeut an sein Verfahren, so ist er umso erfolgreicher. Seit Jahrzehnten versuchen diese Richtungen, neben anektodischen und unkontrollierten Beobachtungen wissenschaftlich haltbare Belege für die Tauglichkeit ihrer Theorien zu erbringen, d.h. Beweise für einen substantiellen Einfluss auf den Kranheitsverlauf - stets vergeblich.

Natürlich hat auch die wissenschaftliche Medizin längst nicht alle Probleme gelöst, aber ihre Theorie hat sich bisher als äusserst fruchtbar erwiesen. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass irgendeine alternative Theorie in der Lage sein wird, eines der offenen Probleme zu lösen, schon bisher gelang ihr das nirgends. Die unkonventionellen Richtungen sind weder eine Ergänzung noch eine Erweiterung oder Komplementierung der wissenschaftlichen Medizin - sie sind unvereinbar mit ihr, weil es sich, ungeachtet ihres medizinhistorischen Interesses, um Pseudowissenschaften handelt. Sie gehören in die Asservatenkammer der Medizingeschichte (HABERMANN).

http://www.ariplex.com/ama/ama_anth.htm